Sein Blut komme über uns – Nicholas Lessing

Historischer Kriminalroman um den späteren Papst Benedikt XIV.

25.10.2009 Nicole Korzonnek

Gekonnt verbindet Lessing in seinem historischen Roman Fakten mit Fiktion, um Prospero Lambertini, dem späteren Papst Benedikt XIV., einen Mord aufklären zu lassen.

Bevor Kardinal Prospero Lambertini im Jahr 1740 Papst wurde und sich fortan Benedikt XIV. nannte, war er als junger Geistlicher seit 1700 Auditor in der Rota. Die Rota war damals das höchste römische Gericht, Lambertini also ein Richter. Von Beginn an war er für die Heiligsprechungen verantwortlich. Das Regelwerk, das er hierzu aufstellte, war sogar bis ins Jahr 1917 gültig. Als Papst wurde er von Voltaire und Friedrich dem Großen wegen seiner Toleranz hoch geschätzt, dem Jesuitenorden stand Benedikt XIV. allerdings skeptisch gegenüber. Soviel zu den Fakten über das Leben von Prospero Lambertini. Und genau die hat sich der Schriftsteller Nicholas Lessing für seinen ersten historischen Roman „Sein Blut komme über uns“ zu Eigen gemacht.

Papst Benedikt XIV. erinnert sich an sein Leben als Priester

Wir schreiben das Jahr 1740. Nach einem über sechs Monate andauernden Konklave wird Prospero Lambertini von den anderen Kardinälen zum nächsten Papst gewählt. Im sogenannten „Tränenzimmer“, dem Raum, in dem sich der frisch Gewählte von seinem Leben als Kardinal verabschiedet und die päpstlichen Gewänder anzieht, erinnert sich Benedikt XIV. an seine ersten Karriereschritte in der römischen Kurie und lässt sein Leben noch einmal Revue passieren. Denn er, der neue Papst, hat schon viel erlebt – und so ziemlich jede Sünde begangen, die sich ein Mensch nur erdenken kann.

Ritualmord in „Sein Blut komme über uns“

Was folgt, ist ein Zeitsprung in das Jahr 1700. Prospero Lambertini steht kurz vor seiner Priesterweihe in Rom und plant seine Karriere in der Rota, bei der er als Hilfsauditor für Kardinal Carasoli arbeiten soll. Seine erste Aufgabe ist die Vorbereitung der Heiligsprechung von Maria Carasoli – der Tante seines Vorgesetzten. Doch dann geschieht in Rom ein grausamer Mord, der die Gemüter der Bürger erhitzt. Der Junge Angelo, ein Christ, wird ausgeblutet in der Synagoge des jüdischen Ghettos aufgefunden. Durch die polemischen Reden des Volkspredigers Fra Bernardino, einem Dominikaner, angestachelt, vermuten die römischen Christen einen Ritualmord hinter der Tat und machen die Juden dafür verantwortlich. Rabbi Corcos und weitere Juden werden gefangen genommen, ein Pogrom steht kurz bevor. Durch einen Zufall wird Prospero Lambertini in die Geschehnisse involviert. Von Anfang an hält er die Version eines Ritualmordes für unwahrscheinlich. Zunächst auf eigene Faust, später dann offiziell, beginnt er zusammen mit seinem adeligen Freund Gonzaga, dem jüdischen Arzt Benjamin und Deborah, der Tochter des Rabbis, zu ermitteln – und stößt auf einen Sumpf an christlichen Manipulationen, Intrigen und Machtgier.

Die menschliche Seite des Prospero Lambertini

Es sind aber nicht unbedingt Prosperos messerscharfer Verstand und seine ungewöhnliche Kombinationsgabe, die ihn als Protagonist in „Sein Blut komme über uns“ so lebendig werden lassen, sondern seine menschlichen Makel und Verfehlungen. So kann sich der junge Hilfsauditor nur schwer in Demut üben; er ist rachsüchtig und lügt mehr als einmal, wenn es denn der Wahrheitsfindung dient, er verstößt gegen das Gesetz und verliebt sich zu allem Überfluss auch noch in die Jüdin Deborah. Und plötzlich wird aus dem aufstrebenden Geistlichen ein Mensch aus Fleisch und Blut, der fühlt, fehlt und unglücklich liebt.

Nicholas Lessings Krimireihe um Prospero

Dank dieser Wahrhaftigkeit des Protagonisten bringt Nicholas Lessing seinen Lesern das christliche Rom zu Beginn des 18. Jahrhunderts schillernd und lebendig näher. Ganz hervorragend gelingt ihm dabei der Spagat zwischen historischen Fakten und literarischer Fiktion, hält er sich doch nah an geschichtlichen Ereignissen und füllt die Lücken mit einer Handlung, die weit mehr als ein einfacher Kriminalroman aus längst vergangenen Tagen ist, da er zugleich eine erdachte Biografie über den Papst Benedikt XIV. verfasst. Und die ist noch längst nicht abgeschlossen, denn „Sein Blut komme über uns“ ist der Anfang einer Krimireihe um den Auditor Prospero Lambertini, die mit dem zweiten Band „Und stehe auf von den Toten“, der im Dezember 2009 erschienen ist, fortgesetzt wird.

Nicholas Lessing: Sein Blut komme über uns. Heyne 2008. Taschenbuch, 416 Seiten. Euro 8,95.

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