Die Lilie von Versailles – Carolly Erickson

Das fiktive Tagebuch der Marie Antoinette als historischer Roman

11.10.2009 Nicole Korzonnek

Als Historikerin und Biografin von Marie Antoinette lässt Carolly Erickson die französische Königin in einem fiktiven Tagebuch wieder lebendig werden.

Über kaum eine andere Königin wurde so viel Unterschiedliches geschrieben wie über Marie Antoinette. Für einige ist und bleibt sie die ewige „Madame Defizit“, die mit ihrer Verschwendungssucht die Französische Revolution anheizte. Für andere ist sie eine zutiefst unverstandene Person, die unter die Räder ihrer turbulenten Zeit geriet. Schriftsteller wie Stefan Zweig oder Filmemacher wie Sofia Coppola beschäftigten sich ausgiebig mit ihrem Leben. Michael Kunze und Sylvester Levay schufen gar ein Musical, das sich um Marie Antoinette dreht. Bei so viel medialer Bearbeitung ist es schwer, einen neuen Aspekt zu finden, mit dem man zum Beispiel Leser erneut in den Bann der österreichischen Frau ziehen kann, die in Frankreich die Menschen derart polarisierte. Doch genau das ist Carolly Erickson, die bereits als Historikern in ihrer Biografie „Marie Antoinette. Königin von Frankreich, Bürgerin auf dem Schafott“ das Leben der Herrscherin nachgezeichnet hat, mit „Die Lilie von Versailles“ gelungen. Denn der historische Roman ist als Tagebuch aus Marie Antoinettes Sicht verfasst.

Das Tagebuch der „Lilie von Versailles“

Im Prolog befindet sich die Königin, jetzt Bürgerin Capet, besser bekannt als Gefangene 280, im Gefängnis Conciergerie. Es ist der 3. Oktober 1793 – dreizehn Tage vor der Hinrichtung. Marie Antoinette schreibt einen vorletzten Eintrag in ihr heiß geliebtes Tagebuch, das sie wie ihren Augapfel wahrt und vor fremden Blicken versteckt. Dann blättert sie darin und lässt ihr Leben anhand des Geschriebenen Revue passieren.

Ihre Aufzeichnungen beginnen am 17. Juni 1769 in Österreich. Prinzessin Maria Antonia, gerade einmal 13 Jahre und sieben Monate alt, erhält von ihrem Beichtvater Kunibert ihr Tagebuch, um darin alle ihre Sünden zu notieren. Doch statt Bekenntnisse, schreibt das junge Mädchen nun die Ereignisse ihres Lebens nieder. Vom Tod der geliebten Schwester Josepha ist dort die Rede und wie französische Adlige kommen, die eine Hochzeit mit dem Thronfolger Louis arrangieren. Mit 15 wird so aus Maria Antonia Marie Antoinette und mit 19 aus der Dauphine die Königin von Frankreich, die mit 37 Jahren am 16. Oktober 1793 um 12 Uhr mittags auf dem Place de la Concorde enthauptet wird.

Leben und Untergang der französischen Königin

So viel zu den Fakten, doch das Tagebuch hat noch eine Menge mehr zu bieten, denn Marie Antoinette macht in diesem Roman aus ihrem Herzen nun wahrlich keine Mördergrube. Angst hat sie, als sie als Mädchen den dicklichen Louis heiraten muss, der erst nach langer, langer Zeit den Beischlaf mit ihr vollzieht. Traurig ist sie, dass sie einfach nicht schwanger werden will. Entsetzt ist sie, als ihr bei der Geburt der gesamte Hofstaat auf ihr Geschlecht starren kann. Glücklich ist sie, als sie sich in den Schweden Graf Fersen verliebt, der ihr bis zum Tod die Treue hält. Verbittert ist sie ob der Unfähigkeit ihres Mannes, die Finanzen des Landes wieder in Ordnung zu bringen. Mutig ist sie, als sie sich dem Pöbel stellt und wie ein Raubtier für ihre Kinder kämpft und den Tod des Gatten betrauert. Stur ist sie, da sie sich bis zuletzt weigert, die Trikolore zu tragen. Und so wird plötzlich aus einer historischen Ikone ein Mensch, der fühlt. Ein Mensch, mit dem man als Leser zusammen bangt und zittert. Auch wenn man weiß, dass Marie Antoinette am Ende der Gang zur Guillotine nicht erspart bleibt, so hofft man doch mit ihr, als sie zuerst mit ihrem Mann und den Kindern und später dann mit Graf Fersen zu fliehen versucht.

Die menschliche Seite der Marie Antoinette

Carolly Erickson gelingt es, den Reifeprozess eines Mädchens zur Königin bis hin zur Verräterin der Republik beeindruckend lebendig und mitreißend zu schildern. Sind die ersten Tagebucheinträge der jungen Marie Antoinette noch von einer bezaubernden Naivität und sprachlicher Unvollkommenheit geprägt, so wird sie als Königin immer präziser und auch selbstkritischer. Es ist erstaunlich, wie sich der Schreibstil von Jahr zu Jahr ändert, wie authentisch er dadurch wird. Natürlich ist das alles reine Fiktion. Kein Mensch kann wissen, wie sich die Königin von Frankreich wirklich gefühlt oder was sie tatsächlich gedacht hat. Mögen die Emotionen auch erfunden sein, gelebt hat sie wirklich, diese Marie Antoinette. Vielleicht war sie eine „Madame Defizit“, vielleicht auch einfach nur missverstanden. In diesem Roman ist sie aber vor allem eines: ein Mensch.

Carolly Erickson: Die Lilie von Versailles. Fischer 2008. Taschenbuch, 430 Seiten. Euro 8,95.

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Erickson: Die Lilie von Versailles, Fischer Verlag Erickson: Die Lilie von Versailles
   
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