Die Hure und der Henker – Ingeborg ArltHistorischer Roman um zwei Frauenschicksale im Dreißigjährigen Krieg
Eine lebendige, oft zynische Sprache und die genaue Recherche des Dreißigjährigen Krieges zeichnen diesen preisgekrönten historischen Roman von Ingeborg Arlt aus.
Es ist ja nicht so, dass Ingeborg Arlt erst für „Die Hure und der Henker“ einen der zahlreichen deutschen Literaturpreise erhalten hat. Bereits 1986 wurde sie für „Das kleine Leben“ neben Omar Saavedra Santis mit dem Anna Seghers-Preis ausgezeichnet, der in eben jenem Jahr zum ersten Mal vergeben wurde. Es folgten Stipendien der Konrad-Adenauer- und der Käthe-Dorsch-Stiftung. Und 2007 bekam die Autorin dann den C.S. Lewis-Preis für ihren historischen Roman „Die Hure und der Henker“, der sich mit zwei doch sehr unterschiedlichen Frauenleben im Dreißigjährigen Krieg befasst, die vom Schicksal zusammengeführt werden. Zwei Frauen in Kriegszeiten: Judith und SorkaDie eine ist eine gefallene Lichtgestalt, die andere entstammt einem Schattendasein: Während Judith in der Kleinstadt Pritzwalk zu einer angesehenen Bürgerin heranwächst, den Ratsherren Kober heiratet und ein ziemlich angenehmes Leben führt, wird die junge Sorka mit ihrer Familie aus Mähren vertrieben. Nach dem Verlust von Mutter, Vater und Bruder verdingt sie sich als Lagerhure, gebiert einen Sohn und verteidigt ihn mit allen Mitteln. Fast kann man da schon gewisse Parallelen zu Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ ziehen. Doch da, wo Anna Fierling versagt, geht Sorka als Siegerin hervor. Sie nämlich kann ihr Kind wirklich beschützen. 1638 findet sie dann sogar beim Henker Valentin eine sichere Unterkunft in Pritzwalk. Und genau hier verbinden sich die beiden Frauenschicksale, denn Valentin war früher Lehrer in der Stadt – und der heimliche Geliebte von Judith. Nach einem schrecklichen Brandunfall wird Judith schwer verletzt. Obwohl Sorka zuerst nur Abschätzung für die brave Bürgersfrau und deren heuchlerischem Dasein übrig hat, kümmert sie sich um die Verletzte, und wird sogar zu deren Stimme, die die Vergangenheit Revue passieren lässt. Letztlich siegen also Nächstenliebe und Solidarität unter Frauen. C.S. Lewis-Preis für „Die Hure und der Henker“Der C.S. Lewis-Preis wird vom Brendow Verlag an Romane verliehen, die sich inhaltlich herausragend mit dem christlichen Glauben befassen. Das sollte Atheisten aber nicht von der Lektüre abhalten, denn die christlichen Aspekte spielen in „Die Hure und der Henker“ eigentlich nur eine untergeordnete Rolle, da die genaue geschichtliche Recherche sowie die ungeheure Fabulierfreude von Ingeborg Arlt ganz eindeutig im Vordergrund stehen. Zum einen sind die Fakten des Dreißigjährigen Krieges absolut präzise wiedergegeben. Da wurde nichts auf Kosten der Handlung verändert. Zum anderen kennt die Autorin den Ort ihrer Handlung genau. Schließlich ist sie selbst ja auch in der Kleinstadt Pritzwalk aufgewachsen. An ihren genauen geografischen Beschreibungen erkennt man das auch, ohne dass man sich ihre Mini-Biografie im Klappentext durchlesen muss. Doch noch mehr Herzblut als in ihren genauen historischen Beschreibungen findet der Leser in Ingeborg Arlts gekonnter Sprachakrobatik, die frisch und unterhaltsam ist. Ingeborg Arlts lebendiger ErzählstilZynisch-präzise nimmt die Autorin zum Beispiel die Gesetzgebungen der damaligen Zeit aufs Korn und schildert mit viel Witz diverse Alltagssituation. Ihre Sprachtempo ist schnell und facettenreich. Fast hat man als Leser so das Gefühl, als ob man selbst am Alltag von Judith teilnimmt, die vor allem während ihrer Hochzeitsvorbereitungen alle Hausangestellten samt Vater etwas kopflos durch die Gegend jagt. Während bei vielen Autoren Wortwiederholungen ein reines Versehen sind, avancieren sie bei Ingeborg Arlt zu einem absoluten Stilmittel, das sie bewusst einzusetzen weiß – ebenso wie endlose Schachtelsätze, die sich schon einmal über eine ganze Seite hinziehen können, deswegen aber nicht sperrig oder gar verwirrend sind. Das erinnert ein wenig an den Norweger Jon Fosse, doch Ingeborg Arlts Wiederholungen sind bei weitem nicht so melancholisch und aufreibend, sondern lebensfroh und erfrischend. Die Autorin beherrscht die deutsche Sprache in Perfektion und hat auch noch Spaß daran, ihr Wissen und Können spielerisch einzusetzen. Das macht die Lektüre zu einem lehrreichen und ans Herz gehenden Lesegenuss. Ingeborg Arlt: Die Hure und der Henker. Brendow 2008. Gebundene Ausgabe, 272 Seiten. Euro 19,95.
Der Artikel Die Hure und der Henker – Ingeborg Arlt in Historische Romane unterliegt dem Urheberrecht. Jegliche Verwendung dieses Textes, auch auszugsweise, erfordert die vorherige schriftliche Erlaubnis des Autors. Autor des Artikels Die Hure und der Henker – Ingeborg Arlt ist Nicole Korzonnek.
Ähnliche Artikel
Ähnliche Themen
Schlagworte
Mehr in Lesen & Lauschen
|